Dienstag, 1. Oktober 2019

Calla Days September 2019 V


FINIS ISLAND

Wir hatten uns vorgenommen, bei der nächsten stabilen Wetterlage - und die hatten wir nun zum ersten Mal, den lange gehegten Plan, auf die Insel Finis bei Carna zu kommen, umzusetzen!
Wie Inislacken ist die Insel lange schon unbewohnt. Wir mußten in unseren Adressen kramen, um eine Telefonnummer, die wir uns im Pub in Carna hatten geben lassen, zu finden:  Oscar hat das Boot, das uns zur Insel bringen sollte.  Ein Anruf ergab, dass sein Boot zur Zeit nicht benutzbar ist, er uns aber an Sean weiterleiten könne, der uns mit seinem Curagh zur Insel brächte.  Und so machten wir uns auf den Weg nach Carna, eine unserer Lieblingsstrecken durch weites Bogland. Ich habe es mehrfach hier beschrieben.  Eine unglaubliche Weite, Stille, Ruhe und auch der sonst doch lebhafte Verkehr läßt hier nach. Carna ist nach wie vor ein Ort, der etwas abseits des Trampelpfades ¨Wild Atlantic Way¨ liegt und das macht diese Gegend umso interessanter und schöner.

Am kleinen Pier von Carna treffen wir Sean, der uns herzlich empfängt und ein Blick in die Tiefe des Hafenbeckens läßt mich ahnen, dass dieses Unterfangen ¨curagh¨ für mich etwas abenteuerlich werden würde... Aber ich woltle es unbeding wagen und es gelang mir auch, über eine -  von  Seetang etwas rutschige -  Steintreppe entlang der Piermauer ins Boot zu kommen..  


Die Überfahrt ist kürzer als die nach Inislacken, Sean unterhält uns, was bei dem Fahrtwind jedoch nicht immer zu verstehen ist. Auf seinem blauen Käppi steht "luftgekühlt", was wir mit einem Schmunzeln erst auf den Fotos entdecken!
 Anngekommen auf der Insel, muß man die Quaymauer erklimmen und Sean ist etwas in Sorge, dass wir spät dran sind und die Ebbe schon in 2 Stunden einsetzen könne.
Es sei dann nicht mehr möglich, aus dem Hafen zu fahren, da er sehr schnell leer laufe..

Zunächst aber wollte er uns  - gleich am Pier - das Haus von seiner Tochter,  Oscars Frau, zeigen, das uns in wirkliches Staunen versetzt.  Selten haben wir ein so liebevoll und geschmackvoll eingerichtetes Cottage hier gesehen!  Groß und geräumig, mit 3 oder 4 Schlafzimern ist es wirklich eine kleine Sensation auf dieser ansonsten verlassenen, menschenleeren Insel.  Es gibt wenig Besucher, aber ein Gast aus dem Norden käme jeden Sommer für eine Weile!






Es gibt - wie auch auf Inislacken - eine ¨frühere Strasse¨ - also einen breiten Fußweg, auf dem vielleicht  früher Traktoren fahren konnten.. Jetzt ist alles überwachsen und die Kühe haben den Weg übernommen. 

Es ist wunderbar, endlich an diesem Ort zu sein...  Wir wollen die Insel erkunden so weit wir kommen und uns treiben lassen.  Ein wenig lenken die im Weg lagernden Kühe unsere Pfade, denn wir weichen ihnen doch lieber aus. 
Vor den Augen entstehen - wie auf Insislacken - Bilder, wie es einmal hier ausgesehen haben mag. Bis in die 80iger Jahre lebten hier Menschen.   Das hübsche Haus war einst das Elternhaus von Sean.  Wir entdecken nur ein weiteres bewohnbares Cottage. Sonst stehen nur noch Ruinen des Dorfes, das hier einmal war.  Sean meint, dass von den ehemaligen Bewohnern auch in Carna nur noch 2 Familien leben, der Rest ist in alle Winde verstreut - wie immer und überall in Irland.  Die Hungersnot 1847 war hier in dieser Gegend  - in Connemara überall - am schrecklichsten und forderte die meisten Opfer. Eine Million Menschen verhungerte damals und eine Million verlies das Land. Eine Tragödie unfassbaren Ausmaßes, die das Land für immer geprägt hat. 
Hungerstraßen und Hungermauern ins Nirgendwo entlang der sanften Hügel, prägen die Landschaft hier.  Die hungernden Menschen wurden von ihren Grundbesitzern - zur Ablenkung vom Hunger, gezwungen, diese sinnlosen Mauern zu bauen. Viele von ihnen überlebten diese Arbeiten aus Mangel an Nahrung nicht.  Die Kennzeichen dieser düsten Zeit aber haben überlebt und sind Zeugen!




Das Wissen über diese geschichtlichen Hintergründe läßt uns immer sehr still und fast andächtig werden.  Tod und Not sind hier überall sichtbar in diesem Land und gibt ihm sicherlich auch seine Tiefe und zugleich seine Lebendigkeit.  Pleasure and pain - so dicht aufeinander wie selten sonst. 

Es ist nicht leicht zu gehen, denn nachdem wir den ¨ Weg¨ verlassen haben, schlagen wir uns sozusagen von Ruine zu Ruine durch und überall stehen kleine Mauern, die zum Glück von den Kühen an einigen Stellen schon Durchlässe haben.  Brombeerranken sind kleine Tücken und ich merke einfach,  wie sehr es an der Zeit war, diese etwas mühevolleren Wege auch zu gehen!  

Das Gras hier ist unglaublich grün und saftig und man kann der Landschaft den regenreichen Sommer auch hier ansehen.  Ein Genuß für die Kühe, die noch besser aussehen, als sie es hier ohnehin tun!   Hier blühen noch die Margeriten, die sonst längst verblüht sind, weiße Punkte im Grün.
Wir schauen auf die Uhr, denn man ergißt die Zeit auf diesen Inseln.  Es wird Zeit, zurück zu gehen. Wir laufen ein Stück am Strand, wo man endlich ¨ auslaufen¨ kann, ich sammle Muscheln, und  dann dränge ich zum Aufbruch.



Am Pier ist das Boot von Sean nicht zu sehen!  Und dann sieht er uns und winkt uns zu.
Die Ebbe hat bereits eingesetzt und er mußte das Boot aus dem Hafen fahren und nun steht es dort irgendwo im Seaweed im niedrigen Wasser und wir müssen uns durchschlagen!

Sean kommt uns entgegen - da er ein wenig um unsere Trittsicherheit im Seetang besorgt ist... Und er führt mich an seiner starken Hand dann doch sicher durch diese Wasserlandschaft zum Boot!  Geschafft! 
Für eine eventuelle Wiederholung wissen wir nun, dass wir früher starten müssen!
Zum Glück ist das Wasser im Pier von  Carna noch hoch genug, um die Treppe zu erreichen und ich bin doch recht froh und erleichtert, wieder an Land zu sein!
Zugleich erfüllt mich ein gewisser Stolz, solch eine (kleine) Herausforderung angenommen zu haben. 


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